Endlich schmerzfrei!

Meditation kann helfen besser mit Schmerzen umzugehen.

Meditation kann helfen besser mit Schmerzen umzugehen.

Etwa 1,5 Millionen Österreicher leiden an chronischen Schmerzen. Die gute Nachricht: Mit der richtigen Therapie lassen sich fast alle Beschwerden lindern. Ein Experte sagt, was hilft.

Stimmt es, dass Frauen weniger schmerzempfindlich sind als Männer?

Karl Wohak: Das ist richtig. Auch wenn Männer es nicht gerne hören. Männer sind eher bereit, Tabletten zu schlucken, in der Meinung, dann wird es gut werden, während Frauen sich mehr für multidisziplinäre Therapien begeistern können.

Wie kann es sein, dass Menschen Schmerzen unterschiedlich stark empfinden?

Wohak: Wie stark jemand Schmerzen hat, hängt von der bisherigen Schmerzerfahrung ab. Deswegen schaut man schon bei Geburten, dass diese möglichst wenig traumatisch ablaufen. Hinzu kommt, dass es auch ethische Unterschiede gibt. In südosteuropäischen Ländern sind die Menschen schmerzempfindlicher als in den nordischen Ländern. Schmerz ist etwas, was im Hirn wahrgenommen und verarbeitet wird. Wenn jetzt ein Ziegel auf die große Zehe fällt, dann ist der Ziegel immer der gleiche und die Zehe auch. Dennoch braucht der eine dann mehr Therapien und der andere weniger.

Welches ist das beste Schmerzmittel?

Wohak: Es gibt kein Universalmedikament. Das kann es auch nicht geben, weil es zwei Arten von Schmerzen gibt: Der eine ist ein entzündlicher Schmerz, auch nozizeptiver Schmerz genannt, wie es bei einer Blinddarmentzündung der Fall ist. Der andere ist ein neuropathischer Schmerz, was bedeutet, dass man keinen Schaden wie bei einer Blinddarmentzündung hat, aber eine Fehlregulation, wie zum Beispiel die Diabetische Polyneuropathie. Der Betroffene hat dann den Eindruck, er steht auf Kohlen, was aber nicht der Fall ist. Außerdem muss man zwischen akuten Schmerzen (eher entzündliche Schmerzen) und chronischen Schmerzen (eher neuropathische Schmerzen) unterscheiden.

Wann eignen sich eher medikamentöse Therapien, wann komplementärmedizinische Methoden?

Wohak: Man muss unterscheiden, was gerade das Problem ist. Bei akuten Schmerzen an den Bandscheiben hilft meist keine Akupunktur, da muss man Tabletten schlucken. Auch Bewegung ist wichtig. Es hilft nicht, wenn der Patient sagt, es tut nicht weh, wenn er nur sitzt. Bei der Wirbelsäule ist Bewegung das A und O, weil sonst der Saugmechanismus der Bandscheiben zur Ernährung nicht funktioniert. Dann gibt man Medikamente in kleinen Dosen, sodass der Betroffene wieder gehen kann, und im Anschluss beginnt man mit der Rückentherapie. Der Körper ist häufig in der Lage, Probleme selbst zu lösen. Manchmal braucht er allerdings etwas Hilfe.

Was wünschen sich die meisten Schmerzpatienten?

Wohak: Schmerzfreiheit. Das geht leider nicht immer, aber die Lebensqualität lässt sich immer erhöhen. Dann muss man Betroffenen beibringen, dass sie etwas dazu beitragen müssen: Bewegung, nicht rauchen und beim Essen aufpassen – wie bei anderen Erkrankungen auch. Damit das erreicht wird, muss man sie aber an der Hand nehmen und ihnen sagen, sie müssen jetzt zum Physiotherapeuten, Ernährungstherapeuten, ins TCM-Zentrum etc. Wichtig ist, dass sich die Betroffenen ernst genommen fühlen.

Welche Rolle spielt Stress bei Schmerzen?

Wohak: Schmerz und die Psyche sind eng miteinander verknüpft. Je länger der Schmerz andauert, desto stärker wird die Beziehung. Es ist egal, ob es um Stress, Depressionen oder freudige Überraschungen wie z. B. einen Lottogewinn geht: Unser psychisches Gleichgewicht wird beeinflusst.

Wie stärkt man die Psyche?

Wohak: In der Traditionellen Chinesischen Medizin gibt es viele Möglichkeiten, um ein Ungleichgewicht wieder ins Lot zu bringen: etwa Qigong oder Mediation. Auch das Gefühl, endlich ernst genommen zu werden und eine Perspektive zu haben, hilft. Wir haben Daten, dass Schmerzpatienten bis zu 18 Monate brauchen, bis sie zu einer Diagnose kommen. Sie haben dann vier bis acht Arztkontakte pro Halbjahr. Und es gibt 1,5 Millionen betroffene Österreicher.

Wie hilft Wärme in der Schmerzbehandlung?

Wohak: Die Wirbelsäule, also Knochen, Skelett und Muskeln, bildet eine Einheit. Fehlfunktionen versucht der Körper über die Muskulatur auszugleichen und man setzt sich zum Beispiel schief hin. Das führt aber zu Verkrümmungen der Muskeln auf einer Seite, man bekommt Muskelverhärtungen. Wärme – aber auch Kälte – fördert die Durchblutung und löst die Verspannungen. Allerdings nur während der Dauer der Anwendung. Deswegen muss man Wärmepflaster zwölf Stunden tragen. Je dicker jemand ist, desto schlechter kann die Wärme eindringen. Sehr gut ist dann Infrarotlicht wie in Infrarotlampen oder Infrarotkabinen. Dieses Licht dringt ins Gewebe ein und wird dann abgebremst. Durch das Abbremsen entsteht Wärme in ein paar Zentimetern Tiefe.

Wann sollte man Kälte bevorzugen?

Wohak: Das wissen die Patienten meistens, was ihnen gut tut. Da muss man sie einfach nur fragen. Diese Behandlung sollte allerdings zielgerichtet eingesetzt werden, also erst eine Physiotherapie mit aktivem und passivem Dehnen und dann Wärme- oder Kältebehandlungen.

Kann auch ein Waldspaziergang helfen?

Wohak: In der Natur fühlt man sich an sich viel besser. Und an die Beschwerden angepasste Bewegung ist immer gut. Auch Unterwassergymnastik ist toll, weil das Wasser den Druck von den Gelenken nimmt. Oder Rückenschwimmen. Auf Brustschwimmen mit dem Kopf über Wasser sollte man hingegen lieber verzichten.

Dr. Karl Wohak

Dr. Karl Wohak

Der Experte

Dr. Karl Wohak: Facharzt für Anästhesie & Intensivmedizin, Leiter Schmerzzentrum Privatklinik Wehrle-Diakonissen in Salzburg. Web: www.privatklinik-wehrle-diakonissen.at

Wie Sie mit der Traditionellen Chinesischen Medizin helfen können, erfahren Sie in der aktuellen Ausgabe von Lust aufs LEBEN (Februar 2017).