Glückssträhnen: Graue Haare als Statement

Karin Garzarolli (li.) und Sophie Fontanel (re.)

Karin Garzarolli (li.) und Sophie Fontanel (re.)

Grau ist nicht länger nichts – sondern ein starkes Statement und ein Abenteuer: Zwei Journalistinnen ­erzählen, warum sie ihre Haare nicht länger färben und mit dieser Entscheidung mehr als glücklich sind.

Eine 56-jährige zeigt den Jungen auf Instagram, wie (Pariser) Chic wirklich geht: Vintage-Garderobe mit einem Schuss Humor, coole Kombis und volles graues Haar – so präsentiert sich die französische Bloggerin und Autorin Sophie Fontanel ihren Followern. Wenn sie an einem vorbeihuscht, könnte man sie im ersten Moment auch auf 70 schätzen. Denn ihr Markenzeichen sind ihre langen, ungefärbten, weiß-grauen Haare. Am wenigsten würde das freilich die ehemalige ELLE-Kolumnistin selbst stören: Soll man sie doch für älter halten! Was ändert das letztlich an ihrem Leben?

Vor fast vier Jahren hat Fontanel aufgehört, ihre Mähne zu färben. Zentimeter für Zentimeter hat das Silbergrau von ihrem Schopf Besitz ergriffen. Ihren Entschluss, sich die weißen Haare nicht mehr zu kolorieren, sieht sie selbst als feministischen Akt und als ­Befreiung vom Diktat des Jugendwahns. Mit großem Selbstbewusstsein und viel Ironie dokumentiert die Französin den langsamen Prozess des Herauswachsens ihrer schwarz gefärbten Haare über die sozialen Medien, rührt damit an ein Tabu und löst eine landesweite Begeisterungswelle in der französischen Frauenbewegung aus. Heute folgen ihr allein auf Instagram 168.000 Fans.

Diese Erfahrungen hat sie nun auch in einem Ratgeber („Glückssträhnen“, Ebersbach & Simon) zusammengefasst. Darin erzählt die Stilikone von ihrem Leben als „Zebra“, den eineinhalb Jahren ihrer allmählichen Transformation und den Reaktionen ihrer Mitmenschen auf ihren neuen Look, die von erstaunt über schockiert bis hin zu enthusiastisch reichen.

Silberfüchsin aus Wien

Sehr ähnlich erging es der Wiener Journalistin Karin Garzarolli. Die Trendsetterin und Beauty-Expertin, immer schon mit einem ähnlich treffsicheren Gespür für coole Outfits gesegnet wie ihr französisches Pendant, steht seit eineinhalb Jahren zu ihrem Granny-Look: „Ich hätte am liebsten schon vor zehn Jahren aufgehört zu färben. Aber damals war mein Sohn noch dagegen, ebenso wie mein Mann und meine Mama.“

Vor achtzehn Monaten waren dann alle bereit für Karins Silbergrau und haben die Entscheidung mitgetragen. Bewunderung und Bestärkung dafür gab es nicht nur im engsten Umfeld, sondern auch über die sozialen Medien: Garzarollis „Blog für erwachsene Frauen“ unter dem Logo „Karins Kosmos“ ist hierzulande längst Kult (www.karinskosmos.at). Als Silberfüchsin bekommt sie heute „viel mehr Komplimente als zu der Zeit, als ich noch viel Zeit und Geld in eine natürlich aussehende Haarfarbe investiert habe“, lacht die Journalistin. Zweifel hatte sie nie: „Nur ein wenig gezögert hab ich. Ich wusste ja nicht, wie ich mit hellen Haaren aussehen würde – ich bin von Natur aus dunkel.“ ­Färben will sie nie wieder: „Ich bin Team Grey forever! Schließlich habe ich jetzt endlich die Haarfarbe, die zu meinem Teint passt.“

Manchmal braucht gut Ding eben Weile. Und Mut: „Ich brauchte 53 Jahre, um zu entdecken, dass man niemals allen gefallen kann. Zuallererst muss man mit sich selbst im Reinen sein. Verrückt, dass die einfachsten Wahrheiten einem so lange verborgen bleiben“, resümiert Sophie Fontanel. Wozu sich gegen das Ergrauen wehren? Die Farbe passt zum weißen T-Shirt genauso gut wie zum kleinen Schwarzen, zum Ringelpulli ebenso wie zur Designerrobe. Also im Grunde zu allem und ganz besonders zu einem bunten Leben.

Buchtipp:

Sophie Fontanel: Glückssträhnen; 208 Seiten, Ebersbach & Simon, um € 20,60.

Sophie Fontanel: Glückssträhnen; 208 Seiten, Ebersbach & Simon, um € 20,60.

Sophie Fontanel: Glückssträhnen; 208 Seiten, Ebersbach & Simon, um € 20,60.