Dem Schmerz entkommen - So hilft die Cannabis-Therapie

Dem Schmerz entkommen - So hilft die Cannabis-Therapie

Allein Österreich verzeichnet über 1,8 Millionen Schmerzpatienten. Viele von ihnen leiden seit Jahren. Ein neues Buch zeigt, wie die Cannabis-Therapie helfen kann.

Welche positiven Ergebnisse sich mit gezieltem Einsatz von Cannabinoiden bei manchen Patienten erzielen lassen, beobachtet Dr. Martin Pinsger täglich bei seinen Patienten. Multiple Sklerose, Rückenleiden, Krebs, Migräne – ins Vöslauer Schmerzkompetenzzentrum des Facharztes für Orthopädie kommen Menschen mit den unterschiedlichsten Krankheitsbildern. Nicht wenige davon mit jahrzehntelangen Leidensgeschichten. In dem Ende Mai erscheinenden Buch „Dem Schmerz entkommen - So hilft Ihnen die Cannabistherapie“ (Goldmann-Verlag) schildern er, Co-Autor und Medizinjournalist Dr. Thomas Hartl und zahlreiche Betroffene ihre Erfahrungen mit verordneten Cannabis-Medikamenten.

Die Wirkung von Cannabinoiden

Warum können Cannabinoide überhaupt wirken? Jeder Mensch besitzt ein sogenanntes Endocannabinoid-System, welches Teil des menschlichen Nervensystems ist und der Kommunikation des Körpers auf zellulärer Ebene dient. Dieses entwicklungsgeschichtlich alte System vollführt im Körper eine Art Feintuning – es gleicht zahlreiche Vorgänge aus und hält sie in Balance. Es unterstützt die Blockierung der Schmerzweiterleitung, verbessert die Stressverarbeitung, hat eine ausgleichende Wirkung auf die Psyche, reguliert den Appetit, reduziert eine zu hohe Muskelanspannung, kann die Angst mindern und unterstützt die natürlichen Schlafphasen. Auf diesem körpereigenen System beruht auch die Wirkung von Cannabinoiden als Medikament.

„Cannabinoide bringen eine gewisse Distanz zwischen den Patienten und seine Schmerzen, ohne jedoch eine Rauschwirkung wie beim „Kiffen“ zu verursachen. Dieser distanzierende Effekt tritt auch dann ein, wenn die Beschwerden schon seit Jahrzehnten existieren und ist unabhängig vom Auslöser“, erklärt Autor Martin Pinsger, der Cannabismedikamente seit rund 20 Jahren bei bestimmten Patienten und klar definierten Krankheitsbildern kontrolliert verordnet: „Außerdem kann der Einsatz von Cannabinoiden auch dabei helfen, die bei chronischen Schmerzpatienten häufig verschriebenen Opioide, Antidepressiva und Antiepileptika zu reduzieren“, schildert der Arzt seine Erfahrungen, die er unter anderem in Studien festgehalten hat.

Wesentliche Unterschiede zum „Haschisch-Rauchen“

Wer Cannabisblüten als Joint raucht, atmet mehr als 500 Pflanzeninhaltsstoffe ein, also auch die unbrauchbaren und schädlichen. Die Wirkstoffmenge ist nicht dosierbar, gelangt binnen weniger Sekunden ins Gehirn und verursacht ein „High“.
Cannabis-Medikamente wie etwa Dronabinol basieren auf Einzelsubstanzen wie dem Hanfwirkstoff THC, sind dosierbar, erreichen das Gehirn erst nach 30-60 Minuten und haben eine gleichmäßigere und länger anhaltende Wirkung ohne „High“.

Dr. Martin Pinsger

Als Alternative dazu gilt das synthetische Genericon Nabilone. Es wirkt ähnlich wie THC, scheint aber im Drogentest nicht positiv auf. Das kann für Patienten, die viel im Verkehr unterwegs sind oder Auslandsreisen in Länder mit THC - Verboten tätigen müssen, von Vorteil sein.
„Der zweite in der Medizin verwendete Wirkstoff ist Cannabidiol (CBD). Diese Medikamente beruhigen den Körper, wirken entspannend und kräftigend, verbessern den Schlaf und sind entzündungs- und schmerzhemmend“, fügt Martin Pinsger ergänzend hinzu.

Auch dem österreichischen Schmerzverband ist eine differenziertere Cannabis-Debatte ein großes Anliegen. Ein schlechter Informationsstand oder die Tatsache, dass das Thema in der Öffentlichkeit oftmals mit Drogenkonsum vermischt wird, sollte kein Grund sein, wirklich kranken Menschen den Zugang zu einer potenziell wirksamen Therapie zu erschweren.
Denn das letzte, was Menschen mit chronischen Schmerzen, Krebs oder MS wollen, ist ein unkontrollierbarer Rauschzustand.

Kein Wundermittel

Wie andere Schmerzpräparate auch sind Cannabismedikamente kein Allerwelt-Heilmittel. Autor und Schmerzspezialist Martin Pinsger „Cannabinoide sind keine Wundermittel und nicht jeder Patient spricht an. Aber sie können beruhigen, das Drama im Kopf nehmen, einen Abstand zu den eigenen Schmerzen herstellen und selbst schwerst Schmerzgeplagten wieder ermöglichen, einen Schritt in Richtung Heilung zu marschieren.“ Auf den Punkt bringt es der Arzt in seinem neuen Buch: „Das Gegenteil von Schmerz ist eben nicht kein Schmerz, sondern Wohlbefinden.“
So empfindet es auch Patientin Stefanie Meier (75): „Auch wenn ich nicht wieder gesund werden kann, so ist mein Leben jetzt lebenswert“.
Das neue Ratgeber-Buch „Dem Schmerz entkommen“ führt zahlreiche weitere Schicksale von Patienten an, die vom (zusätzlichen) Einsatz von Cannabis-Arzneien profitieren konnten.
Nähere Infos: www.schmerzkompetenzzentrum.at, www.schmerzverband.at

Dr. Martin Pinsger, Dr. Thomas Hartl: Dem Schmerz entkommen - So hilft Ihnen die Cannabis-Therapie, Goldmann-Verlag, € 10,30