Was kann ich tun, wenn ich mich abgeschlagen fühle?

Was kann ich tun, wenn ich mich abgeschlagen fühle?

Abgeschlagenheit kann viele Ursachen haben. Lesen Sie hier, welche – und was Sie dagegen tun können.

Wir können nicht erwarten, uns permanent wie Superhelden zu fühlen. Das Leben ist voller Anforderungen, und wahrscheinlich kommen Sie auch nicht jede Nacht auf Ihre acht Stunden Schlaf. Manchmal müssen Sie sich für Ihren desorganisierten und psychopathischen Chef die Beine ausreißen oder sich die Nächte um die Ohren schlagen, um Ihr schreiendes Kind zu besänftigen.

Aber fühlen Sie sich die ganze Zeit über müde, und das ohne ersichtlichen Grund und obwohl Sie offenbar genug Schlaf bekommen? Geht es Ihnen da inzwischen ganz anders als noch vor ein paar Jahren? Manchmal ist es schwer zu beschreiben, wie sich das genau anfühlt, die Betroffenen bezeichnen ihren Zustand als "ausgelaugt", "erschöpft", "schwach" und "unkonzentriert" – und sind jedenfalls nicht sie selbst. Wenn Ihre Symptome länger als ein halbes Jahr anhalten, kann man von einem chronischen Zustand sprechen. Falls Sie an chronischer Müdigkeit leiden, heißt das allerdings noch nicht, dass bei Ihnen eine besondere Erkrankung vorliegt, die man als "chronisches Erschöpfungssyndrom" bezeichnet.
Vielleicht geht es Ihnen schon besser, wenn Sie einfach nur mehr schlafen und Ihre Schlafqualität verbessern. Es kann auch sein, dass hinter alldem eine Krankheit steckt, die Ihnen die Energie raubt. Also, was steht für Sie an – die Anschaffung einer neuen Matratze oder ein umfassender medizinischer Check-up?

Erster Check:

Schlaf, Kindlein, schlaf ...

Sind Sie sicher, dass Sie genügend Schlaf bekommen? Nur weil sich Ihre Kollegen in der Firma mit sechs Stunden Schlaf einigermaßen durch den Tag bringen, heißt das noch lange nicht, dass für Sie dasselbe gelten muss. Es gibt zahlreiche Belege dafür, dass manche Menschen einfach mehr Schlaf benötigen als andere, um voll leistungsfähig zu sein. Wenn sich Ihre Symptome am Ende eines ein- oder zweiwöchigen Urlaubs regelmäßig bessern – Sie also genug Zeit hatten, den Schlafmangel auszugleichen –, dann müssen Sie wahrscheinlich in der Arbeitswoche lediglich mehr Zeit für Ihren Nachtschlaf einplanen.

Sie leiden unter Mangelerscheinungen

Haben Sie kürzlich eine extreme Diät begonnen? Machen Sie eine Saftfastenkur, bei der Sie sonst nichts zu sich nehmen? Oder haben Sie unvermittelt eine ganze Nährstoffgruppe wie Kohlenhydrate vollständig von Ihrem Speisezettel gestrichen? Vielleicht bekommt Ihr Körper nicht genügend Kalorien, um voll funktionstüchtig zu sein. Wenn Sie bereits eher schlank sind, haben Sie möglicherweise auch nicht allzu viele Reserven in Form von Fettdepots, die Sie verbrennen können. Eine strenge Diät (also eine drastische Reduzierung der Kalorienzufuhr) oder eine Schaukeldiät (Fasten bis zum Abend oder an jedem zweiten Tag) führt zu einer unregelmäßigen und häufig mangelhaften Energieversorgung. Wenn Sie abnehmen wollen, dann setzen Sie sich bei der Kalorieneinsparung ein realistisches Ziel (10 bis 20 Prozent weniger als normal, gleichmäßig über die Mahlzeiten des Tages verteilt).

Sie müssen sich körperlich mehr fordern

Wenn Sie sich nicht regelmäßig bewegen, wird Ihr Körper in den sogenannten "Low-Energy"-Modus verfallen. Versuchen Sie, zumindest dreißig Minuten für einen flotten Gang oder eine kurze Jogging-Runde zu erübrigen – möglichst täglich und mindestens fünfmal in der Woche.

Schätzen Sie Ihr Gläschen am Abend?

Alkohol hilft zwar, schneller einzuschlafen, aber sobald sein sedierender Effekt nachlässt, wachen Sie wahrscheinlich wieder auf. Er regt zudem die Nierentätigkeit an, wirkt dadurch dehydrierend und sorgt so für häufige nächtliche Toilettengänge. Und auch wenn Sie sich am nächsten Morgen nicht besonders verkatert fühlen, bleiben Sie doch auf einem niedrigen Ener-gieniveau. Beschränken Sie sich nach Möglichkeit auf ein oder zwei Drinks, und auch bei besonderen Anlässen sollten es nicht mehr als drei werden.

Sie nehmen Schlaftabletten

Schlafmittel haben normalerweise eine länger anhaltende Wirkung, um zu gewährleisten, dass Sie nachts durchschlafen. Wenn Sie sie aber zu spät nehmen, haben Sie es am nächsten Morgen mit den Nachwirkungen zu tun. Nehmen Sie Ihr Schlafmittel kurz vorm Zubettgehen und mindestens acht Stunden vor dem Aufstehen. Wenn Sie keine Schlaftablette nehmen wollen, bevor Sie es nicht so mit dem Einschlafen probiert haben, fragen Sie Ihren Arzt nach einem Mittel mit kürzerer Wirkungsdauer.

Ihre Medikamente machen Sie müde

Viele Medikamente – vor allem Antihistaminika (gegen Allergien), Schmerzmittel, Antidepressiva/Angstlöser und einige Mittel gegen Bluthoch- druck (insbesondere Betablocker) – können müde machen. Wenn Sie kürzlich an Gewicht verloren haben, müssen Sie möglicherweise die Dosierung reduzieren. Besprechen Sie Ihren Einnahmeplan mit Ihrem Arzt, und gehen Sie beim Absetzen eines Medikaments oder beim Anpassen der Dosie- rung bitte nicht eigenmächtig vor!

Gehen Sie zum Arzt wenn ...

Sie deprimiert wegen Ihrer Lebenssituation oder -perspektive sind

Depressionen können viele verschiedene Symptome nach sich ziehen, unter anderem Abgeschlagenheit, Reizbarkeit, nachlassendes Interesse an Ihren früheren Beschäftigungen, Konzentrationsschwäche, verändertes Essverhalten und Gewicht, abnehmende Libido und Schlafstörungen. Denken Sie daran: Auch Superhelden sind mal deprimiert. (Und gerade Batman ist schwer depressiv!) Wenn Sie glauben, an einer Depression zu leiden, sprechen Sie mit Ihrem Arzt über die zahlreichen Behandlungsmöglichkeiten. Für Ihre Lebensqualität kann das von ausschlaggebender Bedeutung sein.

Andere sich über Ihr Schnarchen beschweren

Schlafapnoe ist ein verbreitetes Problem, bei dem es während des Schlafs immer wieder zum Kehlverschluss kommt. Die Folge davon sind lautes Schnarchen und kurze Phasen des Atemstillstands, der Apnoe (vom altgriechischen ápnoia für »Windstille, Atemlosigkeit«), die Sie für Sekunden aufwachen lassen. Theoretisch können Sie auf diese Weise Hunderte von Malen in der Nacht aufwachen, ohne sich am Morgen daran zu erinnern. Kein Wunder, dass Sie dann völlig groggy sind. Wenn Sie ein notorischer Schnarcher sind und morgens müde aufwachen, über fünfzig und außerdem übergewichtig sind, einen großen Halsumfang und/oder hohen Blutdruck haben, sollten Sie in jedem Fall einen Termin im Schlaflabor vereinbaren. Falls Sie wirklich an Schlafapnoe leiden, stehen Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung, die Ihre Schlafqualität und Ihr Energieniveau enorm verbessern können. Viele Menschen verwenden eine Atemmaske, die das Atmen im Schlaf durch Überdruck unterstützt. Falls Sie übergewichtig sind, kann sich die Symptomatik auch schon deutlich bessern, wenn Sie es schaffen, ein paar Pfunde loszuwerden.

Sie mindestens seit einem halben Jahr unter großer Erschöpfung leiden, die sich nach körperlicher Anstrengung verstärkt, und Sie sich auch nach hinreichendem Nachtschlaf nicht ausgeruht fühlen

Das chronische Erschöpfungssyndrom (Chronic Fatigue Syndrome, CFS, beziehungsweise Systemic Exertion Intolerance Disease, SEID) ist noch nicht ausreichend erforscht und schwer zu diagnostizieren.
Bei Ihnen könnte ein CFS/SEID vorliegen, wenn Ihr Energieniveau stark abgesunken ist, wenn die Erschöpfungszustände Sie in Ihrem Alltag erheblich beeinträchtigen und bereits länger als ein halbes Jahr andauern. Manchmal steht zu Beginn eines CFS/SEID auch eine Erkältung oder andere Infektion. Die Erschöpfung verschlimmert sich für gewöhnlich unmittelbar im Anschluss an körperliche Anstrengung und bessert sich nicht durch Schlaf (vielmehr wachen Sie unerholt auf). Andere Symptome sind Konzentrationsschwäche, Schwindelgefühle beim Aufstehen, Kopfschmerzen und Muskel- beziehungsweise Gelenkschmerzen.
Wenn Ihr Arzt der Annahme ist, dass bei Ihnen ein CFS/ SEID vorliegen könnte, ist es wichtig, andere Ursachen für die Erschöpfung auszuschließen. Bestätigt sich die Diagnose, kann eine Kombination aus Gesprächstherapie und einem Bewegungsprogramm Ihre Lebensqualität entscheidend verbessern helfen.

Sie zugenommen haben, an Verstopfung leiden und Ihnen mitten im Sommer ständig kalt ist

Vielleicht geht Ihrer Schilddrüse, die beim Energiestoffwechsel eine wichtige Rolle spielt, die Puste aus. Mit ein paar einfachen Bluttests lässt sich eine Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion) diagnostizieren, die Müdigkeit, Gewichtszunahme, Verstopfung und Kälteintoleranz bewirkt. In den meisten Fällen ist es ausreichend, zusätzlich Schilddrüsenhormone zu nehmen, um Ihren Körper wieder auf Vordermann zu bringen.

Sie außerdem schnell außer Atem kommen

Möglicherweise befördert Ihr Blut nicht genügend Sauerstoff zu Ihren Muskeln und Ihrem Herzen. Die häufigste Ursache dafür ist eine Anämie – also ein Mangel an roten Blutkörperchen –, die anhand einer einfachen Blutuntersuchung diagnostiziert werden kann. (Die Ursache einer Anämie zu finden kann schon schwieriger sein, und häufig führt man dazu eine Darmspiegelung durch, da Darmblutungen zu den Hauptursachen zählen, insbesondere bei älteren Patienten.) Andere Ursachen sind Herzerkrankungen, bei denen die allgemeine Blutversorgung im Körper gestört ist, und Lungenerkrankungen, bei denen die Aufnahme von Sauerstoff ins Blut behindert wird.

Sie ständig Durst und Harndrang haben

Möglicherweise haben Sie Diabetes, der dann vorliegt, wenn Ihr Körper zu wenig Insulin produziert (oder nicht mehr richtig darauf reagiert). Als Folge davon kann Ihr Körper Zucker nicht mehr ausreichend abbauen, der sich dann im Blut anreichert. Ihre Nieren produzieren Unmengen Urin, um einen Teil des Zuckers auf diesem Wege loszuwerden, wodurch Sie dehydrieren, müde und durstig werden. Wenn Sie diese Symptome bei sich feststellen, gehen Sie so schnell wie möglich zum Arzt, am besten noch heute, denn wahrscheinlich benötigen Sie eine Insulinbehandlung. Kommen noch Benommenheit und Übelkeit hinzu, begeben Sie sich unverzüglich in die Notaufnahme.

Sie in letzter Zeit öfter Fieber haben, an Gewicht verloren und/oder nächtliche Schweißausbrüche haben

Möglicherweise zehrt eine Infektion an Ihren Energiereservoirs, ohne andere spezifische Symptome hervorzurufen. Zu den häufigen Übeltätern zählen Infektionen des Herzens (Endokarditis), eine HIV-Infektion und Tuberkulose. Bestimmte Krebsformen wie Lymphome können ebenfalls diese Symptomatik zeigen. Gehen Sie so schnell wie möglich zum Arzt.

Bei Ihnen liegt eine Nierenerkrankung vor, oder Sie sind aufgedunsen und waren in den letzten Tagen kaum auf der Toilette

Nierenversagen bringt viele Probleme mit sich, die zu einem Erschöpfungszustand beitragen können. Zum Beispiel führt es zu einer Anämie (einem Mangel an roten Blutkörperchen), Appetitmangel, Flüssigkeitsansammlung in der Lunge (wodurch der Sauerstoffgehalt im Blut absinkt) und einer Ansammlung von Giftstoffen im Körper, die ebenfalls Müdigkeit bewirkt. Zu den weiteren Anzeichen eines Nierenversagens zählen hoher Blutdruck, ein aufgedunsenes Gesicht oder geschwollene Beine.
Wenn Sie bisher keine Probleme mit den Nieren hatten, aber diese Symptome an sich bemerken, dann gehen Sie sofort zum Arzt. Bei bestehender Nierenerkrankung kann zunehmende Erschöpfung ein Hinweis darauf sein, dass Sie die Dosierung Ihrer Medikamente anpassen oder mit der Dialyse beginnen müssen.

Ihre Augäpfel verfärben sich gelb

Lebererkrankungen können Gelbsucht, Juckreiz und eine Ansammlung von Giftstoffen bewirken, was zu Verwirrtheit, Schwäche und schließlich zum Koma führt. Die ersten Anzeichen einer durch ein Leberleiden bedingten Verwirrtheit sind eher unmerklich – Schwäche, verlängerte Reaktionszeiten, kurze Aufmerksamkeitsspanne und Reizbarkeit. Weiter geht es dann mit Desorientierung, undeutlicher Aussprache und Benommenheit.
Ein untrügliches Zeichen einer fortgeschrittenen Lebererkrankung ist die Unfähigkeit, länger als ein paar Sekunden die Arme ausgestreckt mit den Handflächen nach oben zu halten – als wollten Sie den Verkehr stoppen, ohne dass dabei die Hände nach unten sinken. Gehen Sie noch heute zum Arzt.

Ab in die Notaufnahme!

Sie sind ohne ersichtlichen Grund stark benommen und verwirrt

Etliche bedrohliche Zustände können zu massiver Schwäche und Verwirrtheit führen, so etwa Enzephalitis (Entzündung des Gehirns), Schlaganfall, Arzneimittel-Überdosierungen (zum Beispiel mit Schmerzmitteln), Kohlenmonoxidvergiftungen, Sepsis (eine schwere Komplikation bei einer Infektion) und anderes mehr. Rufen Sie den Notarzt.

Mehr dazu im Buch:

"Muss ich jetzt sterben? Das große Nachschlagewerk - nicht nur für Hypochonder", Dr. med. Christopher Kelly, Dr. med. Marc Eisenberg, Knaur Verlag, € 19,00


Obwohl sie tagtäglich Patienten mit den unterschiedlichsten gesundheitlichen Beschwerden und Symptomen behandeln, hören Dr. med. Christopher Kelly und Dr. med. Marc Eisenberg doch immer wieder die eine Frage: Muss ich jetzt sterben? Dr. Kelly und Dr. Eisenberg, renommierte Kardiologen und Gesundheitsexperten, geben zusammen mit einem neunköpfigen Expertenteam spezialisierter Ärzte kompetente medizinische Hilfestellungen. Niemand möchte Symptome ignorieren, die der eigenen Gesundheit ernsthaft schaden könnten. Zahlreiche äußerliche und innerliche Beschwerden und Schmerzen der folgenden Körperteile werden Schritt für Schritt erläutert.