Ruhig werden im Kopf

Ruhig werden im Kopf

Das kleine Glück des Gehens

Die Bäume vor unserer Tür blühen noch nicht und es ist immer noch zu kalt für Mitte März. Mein Tag war anstrengend. Wie so oft hab ich nicht so viel geschafft, wie ich mir vorgenommen habe. Die Teenie-Tochter bockt. Der Geschirrspüler streikt. Ich muss raus.

Gehen, einfach nur gehen. Ich hätte einen Schal nehmen sollen, morgen hab ich sicher wieder Halsweh. Der Krieg. So nah. Warum das alles? Meine ersten Schritte sind langsam, fallen mir schwer. Erst nach dem Eck beim Greißler werden sie sich ein wenig leichter anfühlen. Ich gehe dann zügiger.

Ich habe kein Ziel, aber immer noch zu viele Gedanken, zu viele Fragen. Die weinenden Kinder, die Raketen, die Menschen auf der Flucht. Und was, wenn der Krieg nicht aufhört? Wenn er sich weiter ausdehnt? Wenn jemand auf „den Knopf“ drückt?

Was, wenn nichts mehr sicher ist?

Gehen hilft. So zuverlässig wie ein Aspirin gegen Kopfschmerzen. Wenn ich von meiner Abendrunde nach Hause komme, werde ich dort alles so vorfinden, wie ich es gewohnt bin. Und was, wenn nicht? Keine zwei Flugstunden entfernt und nichts wäre mehr sicher, gar nichts.

Rund um die lange, gewundene Genossenschaftsstraße wird viel gebaut. Alte Häuser in kleinen Vorgärten werden abgerissen und neue, größere entstehen. Wachsender Wohlstand. Es gibt in unserer Gegend keine Geschäfte, außer den kleinen Greißler. Hier wohnt man. Durch die Fenster sehe ich Familien beim Tisch decken, beim Wäsche abnehmen oder vor dem Fernseher. Letztens hab ich geweint beim Nachrichten schauen.

Ein Stück weiter oben beginnt der Wienerwald. Auf dem kleinen Sportplatz neben dem Greißler spielen ein paar Burschen Fußball. In T-Shirts und Shorts, während ich noch die Daunenjacke anhabe. Die Menschen, die alles hinter sich lassen mussten: wer wärmt sie? Oh ja, wir können etwas tun! Decken schicken, Hygieneartikel, Schlafsäcke oder Babynahrung. Oder Geld spenden.

Musik, Stille oder Mama

Manchmal höre ich beim Gehen Musik, vorzugsweise Hits aus den 60-er und 70-er Jahren. Es kann dann passieren, dass ich zwischendurch ein paar Tanzschritte einlege. Manchmal stören mich die Beach Boys, Doors oder Kinks aber auch. Dann will ich nur hören, was ich mir selbst zu sagen habe.

Will ich mit jemandem reden, dann rufe ich meine Mama in Wieselburg an. Erzähle ihr von meiner Arbeit bei „Lust aufs LEBEN“, was ich gekocht habe oder von unserer Tochter (das interessiert sie am meisten). Wir diskutieren auch über den Krieg, über Corona oder über Starmania. In den Gesprächspausen hört sie meinen Atem, meine Schritte. Und ich höre ihr Lächeln: schön, dass du dich gemeldet hast!

Inzwischen ist der Himmel dunkel. Ich mag den Moment zwischen Tag und Nacht, in dem die Straßenlampen angehen. Ohne sie könnte man sich glatt verlaufen. Nein, natürlich nicht ich, ich wohne seit 20 Jahren hier. Vor der Haustüre wartet schon unsere Katze. Sie will gestreichelt und reingelassen werden, auch das ein verlässliches, flüchtiges Glück.

Ich ziehe die Jacke aus. Aus dem Teenie-Zimmer schallt Oasis, ich muss jetzt ein wenig grinsen. Bald werden die Bäume blühen. Vor dem Abendessen noch schnell ein wichtiges Mail beantworten und dann lasse ich es wirklich gut sein für heute. Es hat sich nichts verändert. Trotzdem ich bin im Reinen mit mir, zumindest in diesem Augenblick.