Als Frau nicht mehr zur Verfügung stehen

Als Frau nicht mehr zur Verfügung stehen

Soziologin Franziska Schutzbach schreibt in ihrem neuen Buch über die dringende Notwendigkeit, die Ausbeutung von Frauen zu stoppen.

Frauen haben in der Gesellschaft höhere Ansprüche zu erfüllen als Männer - und viele von ihnen seien chronisch erschöpft, schreibt die Soziologin Franziska Schutzbach in ihrem Buch "Die Erschöpfung der Frauen – Wider die weibliche Verfügbarkeit" (Droemer, € 19,00). So gelte Sorgearbeit in unserer Gesellschaft nicht als richtige Arbeit, sondern als privater Dienst aus Liebe, den Frauen angeblich von Natur aus gerne und deshalb machen. Die Erschöpfung, die viele spüren, ist aber nicht das Unvermögen von Einzelnen. Zu erkennen, dass es eine politische, ökonomische und kulturelle Systematik gibt, war schon immer die Grundlage, auf der Frauen sich ermächtigt haben, Widerstand zu leisten und gegen ihre Verfügbarkeit aufzubegehren, für ihre Emanzipation zu kämpfen. Die Autorin analysiert die Erschöpfung der Frauen als eine geteilte und systematische Geschichte. Es ginge dabei nicht um die Erschöpfung der Frauen, sondern um die Erschöpfung unterschiedlicher Frauen. "Erschöpfung ist kein individuelles Schicksal, sondern Ausdruck eines kollektiven Leidens, das auch gesellschaftliche und nicht zuletzt ökonomische Ursachen hat", so Schutzbach, "Überforderung, Stress, Hoffnungslosigkeit und Niedergeschlagenheit sind keine ,abnormalen' oder ungewöhnlichen Zustände, sondern sie sind, wie ich mit diesem Buch zeigen möchte, ein nachvollziehbarer Effekt der vorherrschenden Verhältnisse."

Entwertung negativer Emotionen

Im Zuge der rasenden Beschleunigung sozialer und ökonomischer Prozesse hat sowohl in der Medizin als auch in der Gesellschaft insgesamt eine Entwertung von negativen Emotionen stattgefunden. Der Psychologin Anke Abraham zufolge wurde das Innerste zunehmend als etwas betrachtet, das uns zum Nachteil gereichen könnte, wenn es sichtbar würde, mit dem wir keinen guten Eindruck machen – und das wir aus diesem Grund versteckt halten müssen. Erwartet werde von Menschen eine bewusste Kontrolle des Körpers, der Stimmungen und Gefühle in allen alltäglichen Verrichtungen, und zwar so, dass emotionale und psychische Momente – wie etwa Niedergeschlagenheit, Berührt-Sein, Traurigkeit oder Erschöpfung – nicht nach außen dringen: "Wollen wir erfolgreich sein, ist Abraham zufolge eine lückenlose Dauerüberwachung der eigenen Person erforderlich und eine Unterdrückung von Stimmungen und Gefühlen, die von anderen als unpassend erlebt werden könnten. Permanent sollen wir auf unsere Erscheinung achten, uns zivilisiert und diszipliniert verhalten", so Schutzbach, "Wir dürfen nicht negativ auffallen, nicht anderen mit unseren Gefühlen auf die Nerven gehen, uns nicht angreifbar machen oder angegriffen zeigen. Deshalb schützen wir unser Innerstes, damit niemand es an die Oberfläche zerren und lächerlich machen kann."

Verletzlichkeit nicht pathologisieren

Die Psychologin Anke Abraham zeigt weiter, dass Gefühle und Verhaltensweisen wie Schüchternheit, Ängstlichkeit, Niedergeschlagenheit oder lang anhaltende Trauer sozial stigmatisiert werden und immer stärker in Gefahr geraten, als Phobien oder Depressionen pathologisiert zu werden – und das auch mit der prekären Folge, dass die tatsächlich Hilfsbedürftigen nicht mehr gesehen und angemessen begleitet werden. "Es geht mir mit diesem Buch um einen Diskurs, der Emotionen wie Erschöpfung und Verletzlichkeit nicht pathologisiert und nicht individualisiert, sondern wertschätzt", so Schutzbach über ihren Antrieb, "Der ihnen eine Legitimität gibt und sie ernst nimmt, anstatt sie einzudämmen. Die relevante Frage dabei ist nicht, welche individuellen Maßnahmen wir gegen die Erschöpfung ergreifen können, sondern vielmehr, wie wir an der Anerkennung dieser Erfahrung arbeiten können. Und wie dies zu einem Ausgangspunkt für politisches Handeln werden kann."

Kein weiterer Druck auf Frauen

Ihr Anliegen ist es, die Gefühle mit einer kritischen Analyse der Gesellschaft zu verbinden. Dabei sollen Frauen nicht mit neuen Work-Life-Balance- Tipps unter Druck gesetzt werden: "Denn für die in diesem Buch beschriebenen Ursachen der Erschöpfungen reichen individuelle Strategien nicht aus. Es gibt kein Zwölf-Stufen-Pro- gramm und keine neue Diät gegen das ausbeuterische System, das der weiblichen Erschöpfung zugrunde liegt." Schutzbach wolle Frauen nicht erneut nahelegen, was sie eigentlich tun sollten. "Vielleicht finden es einige hilfreich, immer wieder gesagt zu bekommen, was sie tun müssten, und manche Vereinfachungen für den Alltag habe auch ich schon beherzigt. Aber die Erschöpfung geht davon nicht weg. Wir spüren sie, ob wir nun fünf Stunden oder zwölf Stunden schlafen. Ob wir unsere Atemübungen machen oder nicht."

Das Dogma der Perfektion ist erschöpfend. Dieses Buch ist vielmehr ein Aufruf zur Imperfektion. "Denn es ist nicht das Bestreben, alles richtig zu machen, das Veränderung ermöglicht", so die Soziologin, "Menschen sind fehlerhaft, und nicht selten sind es genau ihre ,fehlerhaften' Eigenschaften, die ,speziellen', ,schwierigen' und ,problematischen' Seiten – und nicht die angepassten, umgänglichen und netten –, die Frauen in der Geschichte dazu befähigt haben, sich zu wehren." Wut, Empörung, Selbstzweifel, Zerrissenheit und Hadern – und nicht ausgeglichene Gefühlslagen – seien der Ausgangspunkt für Aufbegehren und Veränderung.