Dürfen wir jetzt eigentlich glücklich sein?

Dürfen wir jetzt eigentlich glücklich sein?

Der Krieg überschattet Europa. Was die Angst mit unserem Empfinden macht und wie wir jetzt unsere Kraft und Eigenverantwortung stärken.

Vor zwei Jahren hat uns die Pandemie überrascht und unser Leben und unseren Alltag praktisch über Nacht verändert. Und jetzt, wo die Coronakrise weitgehend überstanden zu sein schien, haben wir ein Déjà vu – nur in einem potenziell noch weiter reichenderem Ausmaß: Der Krieg ist nach Europa zurückgekommen. Und das ebenso, praktisch über Nacht.
Wie auch schon während Corona spiegeln die Sozialen Medien in der virtuellen Welt die Ereignisse wider: Wenn man durch die Feeds auf Facebook und anderen Netzwerken und durch die Online-Medien scrollt, überschattet eine Schreckens-Nachricht die nächste. Das Thema ist präsent wie kein anderes, die ukrainische Flagge findet sich in irgendeiner Weise so gut wie in jedem zweiten Beitrag wieder. Menschen heften Friedenstauben an ihr Profilbild oder tauschen es gar gegen die gelb-blaue Flagge aus. Zwischendurch finden wir immer wieder ganz gewöhnliche Meldungen, die scheinbar aus einer Parallelwelt stammen – es ist aber die, in der wir hier in Österreich jetzt und zum Glück immer noch leben: selbst gebackenen Kuchen, lachende Kinder, Geburtstagswünsche, Werbung für den nächsten Wellness-Urlaub oder für ein neues Coaching-Angebot.
Immer mehr drängt sich die Frage auf: Passen solche Beiträge überhaupt in diese aktuelle Zeit, in der Krieg in Europa tobt und droht, zu eskalieren? Und was machen diese zwei extremen Welten, die sich in den diversen (Sozialen) Medien widerspiegeln, jetzt mit unserem Empfinden? In welcher Weise soll, kann und "darf" unser Alltagsleben trotzdem weiter gehen? Kurzum: Dürfen wir jetzt überhaupt selbst glücklich sein und unser Glück auch zeigen?

Positive Kräfte stärken

Friedens- und Selbstschutz-Experte Mag. Haris Janisch

"Ja" sagen Resilienz-Experten klar – es ist sogar wichtig, um mental und emotional stabil zu bleiben. Denn gerade jetzt ist es entscheidend, dass unser Alltag gut weiterläuft, dass wir Verantwortung für uns selbst und unsere Liebsten übernehmen und dass wir uns auch von den Ereignissen, die sich nur einige hundert Kilometer von Österreich abspielen, auch angemessen abgrenzen. Mitgefühl ist wichtig, doch Mitleiden bringt jetzt niemanden weiter. "Jeder kann nur in dem Ausmaß, in dem er es kann und in dem es in seinem Verantwortungsbereich liegt, helfen und beistehen", sagt der Lebens- und Sozialberater Haris Janisch, der als psychologischer Berater und ausgebildeter Offizier seit vielen Jahren unter anderem auf Selbstschutz, Gewaltprävention und Friedens- und Kriegsforschung spezialisiert ist und unter anderem mit der UNO zusammengearbeitet hat, "Doch gerade jetzt ist auch jeder einzelne gefordert, in seiner Kraft zu bleiben und nur dort Verantwortung zu übernehmen, wo es die eigenen Ressourcen und auch seine Sicherheit nicht gefährdet."
Für die momentane Lage gebe es, wie immer in Krisen, keine einfache Lösung und auch in vielen Fragen keine Antworten. Denn wie es mit dem Krieg weitergeht und welche Folgen dieser auch für uns – jedenfalls ökonomisch – haben wird, ist bis jetzt noch nicht abschätzbar.

Aktuell spielen Ängste vor einer weiteren Eskalation eine noch größere Rolle als vor wirtschaftlichen Folgen und hier ist es wichtig, diesen zu begegnen. "Menschen gehen unterschiedlich mit der aktuellen Lage um. Wer schon einmal krisenfest im Leben war, kann man die Geschehnisse meist besser einordnen und auf Ressourcen aus der Vergangenheit zurückgreifen", sagt Haris Janisch weiter, "Wer Verantwortung für Kinder und Partner hat, wird jetzt gebraucht, um den Zusammenhalt zu stärken und Geborgenheit zu geben."

Verantwortung übernehmen macht stark

Auch um die Krisenvorsorge sollte man sich nun in jedem Haushalt kümmern, um unter anderem auch für Szenarien wie vorübergehende, mögliche Blackouts oder Engpässe bei der Gaslieferung gewappnet zu sein. Für mögliche nukleare Unfälle oder auch Angriffe müsse man laut Zivilschutz ohnehin stets und prinzipiell vorgesorgt haben, und wer hier spätestens jetzt für das Worst Case Szenario vorsorgt, übernimmt Eigenverantwortung und erhöht damit auch das subjektive Sicherheitsgefühl.
"Es ist die Zeit, in der wir unter Familie und Freunden näher zusammenrücken und gegenseitig unsere Kraft und das Vertrauen stärken", sagt Haris Janisch weiter. Kurzum: Rudelverhalten ist wieder angesagt.
Spirituelle Hoffnung, Glaube und der Fokus auf die positive Kraft sind gerade jetzt eine wichtige Ressource – und gerade die kleinen, alltäglichen Dinge können in unsicheren Zeiten starke Anker sein: Seien es die ersten Frühlingsblumen oder eben der selbst gebackene Kuchen, den wir mit der Familie oder eben auch mit Freunden über Social Media teilen. Genau diese kleinen Glücksmomente und unsere Normalität des Alltags geben uns Vertrauen, Sicherheit und Kraft – und zeigen uns selbst und den anderen, wo die Welt noch heil und in Ordnung ist.

Geborgenheit zuhause geben

Familienberaterin Susanne Erlmoser

Besonders mit Kindern ist jetzt auch die aktive Medienkontrolle bedeutsam. Die Gespräche über den Krieg sind bereits in den Klassenzimmern angekommen – Fake News inklusive. Auf TikTok kursieren Live-Videos von Bombeneinschlägen und Luftangriffen, die frei für alle zugänglich sind. "Diese Bilder sind ganz sicher nicht für Kinder geeignet", sagt die Lebens- und Sozialberaterin Susanne Erlmoser von der Familienberatung Stadlau in Wien vehement, "Eltern haben hier die Verantwortung, Kinder von derartigen Bildern, die man nicht vergisst, fern zu halten." Schutz und Geborgenheit geben können wir, indem wir im kleinen Kreis für Frieden und Zusammenhalt sorgen und das auch den Kindern kommunizieren. "Was auch immer passiert, als Familie sind wir füreinander da" – diese Botschaft kann Kindern sehr viel Kraft und Vertrauen geben. – Und Erwachsenen im Familienverband untereinander überdies auch.
Was tun, wenn Fragen zum Krieg von Kindern kommen? "Diese kann man altersgemäß beantworten", sagt Susanne Erlmoser, "Aber auch Eltern müssen in Ausnahmesituationen wie dieser nicht auf jede Frage eine Antwort wissen", so Erlmoser weiter. Man könne nun aber einmal mehr darstellen, dass Gewalt und Aggression nie ein Weg ist, um Konflikte zu lösen. Und das beginnt im Kleinen.