Ich mag mich!

Sich selbst zu lieben ist oft gar nicht so einfach?

Sich selbst zu lieben ist oft gar nicht so einfach?

Selbstliebe gilt als Geheimnis für ein gelungenes Leben. Doch es braucht großen Mut, sich dieser Herausforderung zu stellen. Denn meist hindern uns Ängste an einer „guten Beziehung zu uns selbst“. Ein Psychotherapeut verrät im Interview, wie man es dennoch schaffen kann.

Warum tun wir uns so schwer damit, uns selbst zu lieben?

Michael Lehofer: Das liegt daran, dass wir zu sehr unserem Ego folgen und zu wenig der Stimme des Herzens. Das Ego strebt nach äußerem Erfolg, Status oder Besitz. Aber das, wonach wir streben, ist nicht das, wonach wir uns sehnen. Wir streben nach Bewunderung, sehnen uns in Wahrheit aber nach Bindung. Das Ego trägt nichts zum wahren Selbstwert bei. Ein positiver Selbstwert bedeutet, ja zu sich zu sagen – unabhängig von äußeren Umständen. Und mit dem Selbstwert steigt die Liebesfähigkeit: Eine bejahte Person ist auch immer eine selbstliebende Person.

Sie sagen, auch Sie haben Selbstliebe erst lernen müssen. Wie sehr lieben Sie sich jetzt?

Lehofer: Zu 120 Prozent (lacht). Niemand kann von sich behaupten, dass er sich zu 100 Prozent liebt. Man kann das nicht quantifizieren. Zu Menschen, die man liebt, steht man innerlich in Kontakt. Ich kann mich jederzeit selbst prüfen: Bin ich innerlich gerade in Kontakt mit mir? Ich bin auf einem guten Weg, wenn die Momente totaler Verbundenheit immer mehr werden.

Angenommen, ich bin ganz bei mir, spüre aber: Ich bin traurig. Was nützt mir da die Selbstliebe?

Lehofer: Die meisten Menschen versuchen, die Traurigkeit wegzukriegen. Aber gerade wenn man sie weder zu erhalten noch wegzukriegen versucht, wird die Trauerarbeit erträglicher werden.

Also annehmen, was ist?

Lehofer: Ja. Liebe ist die totale Annahme.

Woran erkenne ich, dass ich mich mag?

Lehofer: Sich mögen ist ein Gefühlszustand, so wie Sympathie oder Antipathie. Das hat mit Selbstliebe nichts zu tun. Selbstliebe bedeutet Nähe und Wärme zu sich selbst. Wenn Sie in sich hineinspüren, fühlen Sie innere Ruhe. Selbstliebe ist ein Akt der Selbstberuhigung. Sie haben ein ruhiges, warmes, geborgenes Gefühl sich selbst gegenüber, nach dem Motto: „Gut, dass ich mich habe.“ Das kleine Kind braucht die Verbundenheit zur Mutter, um sich zu beruhigen. Erwachsene brauchen die Verbundenheit zu sich selbst. Das Problem heute ist, dass wir durch die ständigen Anforderungen in Familie, Job oder im Freundeskreis selten zur Ruhe kommen.

Wie oft sollte man sich denn Zeit für Ruhe; Zeit, um bei sich zu sein, nehmen? Genügt das einmal am Tag vor dem Einschlafen?

Lehofer: Wenn Sie einen Mann haben, den Sie lieben: Wie oft wollen Sie seine Liebe spüren? Einmal am Tag vor dem Einschlafen? Man sollte den ganzen Tag über in Verbundenheit mit sich selbst bleiben.


„Liebe ist die totale Annahme“ Psychologe, Psychiater und Psychotherapeut Michael Lehofer über Verbundenheit, Glück und das Spiel des Lebens.

Was mache ich, wenn die Verbundenheit zu mir abreißt? Gibt es ein SOS-Rezept, wie ich diese Selbstliebe wiederherstellen kann?

Lehofer: In dem Moment, wo Sie auf sich schauen, sind Sie schon in Verbindung. Sie dürfen aber nicht davon ausgehen, dass etwas „besser“ oder „schlechter“ ist: Erfolg ist, was erfolgt. Auch Misserfolg ist die Konsequenz dessen, was vorher passiert ist. Man kann nun das Leben als positives Lernfeld betrachten oder sich damit aufhalten, die Wunden zu lecken.

Ist Selbstliebe die Voraussetzung für Glück und Zufriedenheit?

Lehofer: Glück hat mit Zufriedenheit nichts zu tun. Zufriedenheit tritt ein, wenn man bekommt, was man erwartet. Und überhöhte Erwartungen führen zu Unzufriedenheit. Aber das ist nicht unbedingt schlecht. Ohne Unzufriedenheit hätten wir keine Selbstwirksamkeit. Wir brauchen sie, um ehrgeizig und kreativ zu sein. Zufriedenheit ist ein Zustand des Sattseins. Aber wer ist schon gerne immer satt?

Und Glück ...?

Lehofer: ... ist der Zustand der Selbstvergessenheit. Wenn Sie verliebt sind, vergessen Sie die Welt um sich. Das hat mit Zufriedenheit nichts zu tun. Zufriedenheit spielt sich auf der Ego-Ebene ab. Ein glückliches Leben führen Sie, wenn Sie innerlich gelassen bleiben – trotz der Auf und Abs, die das Leben bereithält. Wenn Sie im Hinterkopf haben: „... das ist eh alles nur Theater.“

Sie meinen, man soll das Leben nicht so ernst nehmen?

Lehofer: Es ist wie bei einem Fußballspiel: Wenn Sie mitspielen, müssen Sie das Match ernst nehmen, sonst macht es keinen Spaß. Vieles können Sie beeinflussen, manches nicht. Mal läuft es gut, mal weniger. Man muss das Spiel des Lebens ernst nehmen, aber gleichzeitig wissen, dass es ein Spiel ist – dann ist man glücklich.

Der Experte:

Prof. Ddr. Michael Lehofer ist Psychologe, Psychiater und Psychotherapeut. Er ist stv. Ärztlicher Direktor des LKH Graz SW.

Prof. Ddr. Michael Lehofer

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Buchtipp:

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Michael Lehofer. Braumüller, € 19,–.

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