Wie kann ich nach einer Trennung neu beginnen?

Wie kann ich nach einer Trennung neu beginnen?

Psychotherapeutin Brigitte Ettl über Liebeskummer und wie es möglich ist, sich nach der Trennung Neuem zu öffnen.

Scheiden tut weh - und zwar je nach Person und Situation sehr unterschiedlich stark. Während die einen selbst nach Jahren immer noch an Liebeskummer leiden, scheinen die anderen schon nach wenigen Wochen über das Erlebte hinweg. "Wir stark und wie lange jemand von Liebeskummer betroffen ist, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Zum Beispiel, wie plötzlich das Ende der Beziehung eintrifft oder ob eine Trennung für beide schon länger im Raum steht und erwogen wird", sagt die Wiener Psychotherapeutin Brigitte Ettl.

Sich selbst neu finden

Psychotherapeutin Brigitte Ettl

Die Psychotherapeutin beobachtet in ihrer Praxis immer wieder, dass die weitreichenden Folgen von Trennungen in der Situation selbst oft nicht abgeschätzt werden. "Manche Paare haben ihren ganzen Freundeskreis zusammen über Jahre aufgebaut. Diese Beziehungen gehen dann auch oft auseinander, weil die Freunde nicht mehr wissen, wem gegenüber sie loyal sein sollen."

Hier ist es entscheidend, den Mut zu haben, neu zu beginnen und einen eigenen Freundeskreis und ein eigenes, neues Leben zu erschaffen – und dem Leben einen neuen Fokus, einen neuen Sinn und eine neue Ausrichtung zu geben. Oft ist dies auch die Chance, dem eigenen Leben ein - womöglich längst fälliges – Update zu geben. Denn häufig spiegeln Krisen und Veränderungen im Außen überfällige Veränderungen im Innen wieder. So kann ein Neubeginn eine große Chance sein, Lebensumstände zu erschaffen, die zu jenem Menschen passen, der man selbst mittlerweile geworden ist.
Und wer aus einem langjährigen "Wir" aussteigt, darf erst einmal das "Ich" wieder finden. Wer zuvor die meiste Zeit in Beziehungen verbracht hat, findet sich selbst womöglich zum ersten Mal. Wie das am besten gelingt: "Suchen Sie ein neues Hobby, bilden Sie sich weiter oder schließen Sie sich Vereinen an, die Ihren Interessen entsprechen", sagt Ettl. Auf Basis gemeinsamer Interessen ist es vielversprechend Gleichgesinnte zu treffen. Das Wichtigste bei allem: Gut Ding braucht Weile. Geben Sie sich Zeit!

Altes beenden – auch aus frühen Tagen

Nach jeder Trennung ist es wichtig die vielen Gefühle, vor allem auch die unangenehmen, zu- und "raus"-zulassen. "Diese reichen von Trauer über Wut bis zu Eifersucht", sagt Ettl. Wer den Schmerz nur verdrängt, die Gefühle unterdrückt und ständig Ablenkung im Außen sucht, zum Beispiel durch sofortiges neues Daten oder sexuelle Affären, nimmt sich die Chance, das Alte gut abzuschließen und bewusst etwas Neues zu beginnen. "Der Ballast aus der alten Beziehung wird dann lange mitgenommen und oft auch in spätere neue Beziehungen hineingetragen oder destruktive Muster wiederholen sich."
Bei Beziehungsthemen brechen häufig alte Wunden auf und Beziehungsmuster aus der Kindheit kommen ans Licht. Und eine Trennung kann den Anstoß geben, diese zu heilen und auch die Liebe in sich selbst zu finden, anstatt das Glück von einem Partner abhängig zu machen. "Destruktive Beziehungsmuster aus der Kindheit wirken sich häufig auch auf die Partnerwahl aus", sagt Ettl. Wer zum Beispiel stark unter Verlustangst leidet und nicht gelernt hat, alleine zu sein, setzt ein Beziehungs-Aus mit einer emotionalen Katastrophe gleich. Vor allem solche Krisen geben oft den Impuls, das Alte zu hinterfragen, es hinter sich zu lassen und als Mensch zu wachsen, damit man mit einem geheilten Inneren Kind emotional für sich selbst gut sorgen kann beispielsweise nicht mehr in toxische Beziehungen gerät.

Sich für Wachstum öffnen

"Oft geht eine Trennung damit einher, sich von einem Lebensmodell zu verabschieden, das man sich gewünscht hat und von dem man gedacht hat, dass es sich verwirklichen wird", sagt Ettl. Auch das dieser Verlust darf und muss betrauert werden. Für viele bedeutet das zum Beispiel, nicht mehr mit dem Elternteil der Kinder zusammen zu sein oder mitunter auch, sich vom Kinderwunsch zu verabschieden.
Das Leben ist Veränderung und wenn etwas Altes zu Ende geht, fängt auch etwas Neues an und daran kann man als Mensch wachsen.

Es muss kein Partner sein – jedenfalls nicht gleich

Gute Sozialkontakte sind für die meisten Menschen ein wesentlicher Pfeiler für die Resilienz und für ein erfülltes Leben – und dabei muss es kein Partner sein: "Gerade für Alleinerziehende kann es oft sinnvoll sein, das Beziehungsthema auf Eis zu legen und sich für einige Jahre auf die Kinder zu fokussieren und die Zeit mit ihnen bewusst zu genießen, solange sie noch Kinder sind", sagt Ettl, "Denn wenn die Zeit für die neue Partnersuche und den Aufbau einer Beziehung fehlt, macht der Glaube, in jeder Lebensphase unbedingt einen Partner haben zu müssen um 'vollständig' zu sein, oft zusätzlich Stress." Partnerin oder Femme Fatale könne man auch in späteren Jahren sein, wenn die Kinder größer sind und es im Alltag wieder mehr zeitlichen Freiraum für andere Dinge gibt, sofern der andere Elternteil nicht ausreichend in die Kinderbetreuung eingebunden ist.

In die Kraft kommen

An dieser Stelle ist es entscheidend, nicht in der Opferrolle gefangen zu bleiben sondern in seine Kraft zurückzukommen – gerade dann, wenn äußere Umstände nicht veränderbar sind. Paradoxerweise holt man sich durch diese Selbstbestimmtheit gerade in Krisensituationen die Macht zurück. "Überlegen Sie sich, was Ihnen jetzt Freude und Erfüllung bringen kann", sagt Ettl. Viele Menschen – oft sind es Frauen – starten oft nach einer Scheidung richtig durch. "Wenn sie erkennen, dass nun endlich sie mal an der Reihe sind", sagt Ettl.

Was macht mich glücklich?

Fragen Sie sich also, was Sie von Herzen glücklich machen würde! Vielleicht, einen eigenen Online-Shop zu führen, eine tolle Reise zu machen oder in ein anderes Land umziehen. Auch beruflich oder in der persönlichen Entwicklung lässt sich viel verwirklichen, wenn man Single ist. "Sich selbst ein erfülltes Leben zu erschaffen, kann eine unglaublich große Ressource für die nächste Beziehung sein", sagt Ettl. Zudem wird man emotional unabhängiger nach dem Motto: "Wenn ein passender Partner kommt, ist es gut - wenn nicht, dann auch!"

Sich wieder vertrauen trauen

Ein Thema, das es nach Trennungen meistens zu bearbeiten gilt, wenn man eine neue Beziehung eingehen will ist, wieder zu vertrauen. "Wichtig ist, einem neuen Menschen eine Chance zu geben", sagt Ettl, "Denn viele Menschen vergleichen etwas Neues immer noch mit ihrem Ex."
Auch Beziehungen verändern sich in unterschiedlichen Phasen des Lebens. So haben Folgebeziehungen nach einer Scheidung oft einen anderen, bewussteren Charakter. "Die Familienplanung ist dann womöglich schon abgeschlossen und man ist zusammen, um gemeinsam die Zeit zu genießen", sagt Ettl.
Tatsächlich wird kein Mensch und keine Beziehung mehr wie die vorige Beziehung oder wie der Expartner sein. Und das ist schließlich gut. Sonst wäre es nicht der Ex.