Sitting In Her Nowhereland

Persönliche Einblicke aus dem zweiten Lockdown von Lust aufs LEBEN-Chefredakteurin Kristin Pelzl-Scheruga.


He's a real nowhere man Sitting in his nowhere land Making all his nowhere plans for nobody Doesn't have a point of view Knows not where he's going to Isn't he a bit like you and me?

Lennon/McCartney, 1965

Ich lese über eine Krankenschwester, die auf einer Covid-Station mit 22 Betten unermüdlich um Leben kämpft und Angst hat, das Virus daheim auf ihren Sohn zu übertragen. Ich sehe geschlossene Läden und kann kaum erahnen, wie es den Besitzern dahinter geht. Ich höre von Bekannten, auch jungen, die Corona haben und an den Folgen lange und schwer leiden. Andere spüren nichts.

Dieser Tage bekomme ich viele Mails und Nachrichten, in denen ich gefragt werde: „Wie geht es dir? Kommst du gut durch die Krise?“
Dann antworte ich, dass es mir gut geht. Und schäme mich fast dafür. Denn anders als viele Menschen, die derzeit an ihre Grenzen stoßen, weil sie gesundheitlich oder wirtschaftlich Schweres durchmachen, muss ich nichts tun außer die vorgegebenen Anti-Corona-Maßnahmen einhalten.

Ok, das nervt vielleicht manchmal. Aber ich versäume nicht einmal was. Im Gegensatz zum ersten Lockdown im aufblühenden Frühling, drängt es mich nicht hinaus. Die Natur schläft, die Äste sind kahl und noch vor 17 Uhr werfen Straßenlaternen kaltes Licht auf fast leere Straßen.

Ich bin weich gefallen. Mein Platz ist am Sofa, unter Decken und unter der Katze. Sie ist eine Gewinnerin der Krise; wir müssen nur aufpassen, dass wir sie nicht zu Tode streicheln.

Unsere Katze: eine Gewinnerin der Krise

Wird es mir daheim zu kuschelig, weiche ich ins fast leere Verlagsbüro aus. Kann dort konzentriert arbeiten und mich danach auf zu Hause freuen. Meine 14-Jährige hat diese Möglichkeit nicht: als Oberstufen-Schülerin ist sie seit Anfang November vom Außenleben abgeriegelt. Dass ihr die Schule fehlt, würde sie natürlich nie zugeben. Wäre uncool. Aber Mütter fühlen mehr als sie hören.

Die Tür ins Kinderzimmer, das längst keines mehr ist, bleibt meist verschlossen. Das wäre vermutlich auch ohne Corona so. Ab und zu dringen hawaiianische Klänge aus der Teenager-Höhle: die Tochter übt sich seit Lockdown II auf der Ukulele.

Ich, begeistert:
„Weißt du eigentlich, dass Paul McCartney auf seinen Konzerten ‚Something‘ auf der Ukulele spielt?“
Schweigen.
„Soll ich dir das auf YouTube zeigen?“
„Mama, das interessiert nur alte Leute.“

Beatles-Klassiker: Rubber Soul wird am 3. Dezember 55.

Ich lese abends, schau Netflix oder höre „Alte Leute“-Platten. Mein Lieblings-Beatles-Album „Rubber Soul“ feiert dieser Tage seinen 55. Geburtstag und ich stelle mir vor, wie sich John Lennon in seiner selbst gewählten Isolation in seinem Kenwood-Haus beim Nichtstun beobachtet („Nowhere Man“) und spüre die gereizte Begierde seiner außerehelichen Affäre („Norwegian Wood“). Oder seine Wehmut, wenn alte Erinnerungen hochkommen („In My Life“).

Bin ich auch mit Scheuklappen im Nirgendwo-Land gestrandet? Ist es in Ordnung, den Kampf gegen Corona anderen zu überlassen und die Zeit einfach verstreichen zu lassen?

Vielleicht ist es sogar das Beste, das ich gerade tun kann. Nicht alle meine Freunde sehen das übrigens so. In einer WhatsApp-Gruppe wird heftig diskutiert. Ob Impfungen, Vorschriften oder Massentests: konträrer könnten unsere Meinungen nicht sein, die da aufeinander prallen. Dennoch schaffen wir es, auf respekt- und humorvolle Weise miteinander verbunden zu bleiben. Und gehen mal wirklich die Wogen hoch, werden sie durch ein versöhnliches Lied wieder geglättet: wir sitzen ja doch alle im gleichen Boot.

Winteressen im Lockdown: Schweinsbraten mit Knödel und Süßkraut.

Freunde und Familie treffen wir nun via Zoom. Wir reden darüber, was wir gekocht haben (Schweinsbraten mit Süßkraut, Knödel und Erdäpfelsalat) und kochen werden (Melanzani-Tarte, Gulasch, Pastinakencremesuppe), worauf wir uns nach Corona am meisten freuen (Reisen! Konzerte!) und ob wir die Mini-Serie „The Queen’s Gambit“ gut finden oder fad (fast einstimmig gut).

Eine Freundin nützt ihre befristete Isolation für eine F.X. Mayr-Kur; sie träumt von Backhendln und hat gerade das Gefühl, in Kräutertee zu ertrinken. Ihr Strohhalm: noch fünf Fastentage, dann hat sie es geschafft. Eine andere mit drei Kindern zählt die Tage, bis die Schulen wieder offen sind. Sie lässt sie aber daheim, weil „es ja nicht mehr lange dauert.“ Größtenteils klappt der Alltag bei den meisten meiner Freunde besser als im ersten Lockdown.

Es ist eine heile „Nowhereland“-Blase, in der ich mich bewege. Wie viele Menschen trifft es gerade unbarmherzig härter, aus unterschiedlichsten Gründen? Sie haben mein Mitgefühl, meinen Respekt. Und das einzige, das immer hilft, sind Vertrauen, Hoffnung, Solidarität und Liebe. Und Musik natürlich. „McCartney III“ erscheint übrigens eine Woche später als geplant (neuer ET: 18. 12.), falls es noch andere alte Leute gibt, die das interessiert.