SOS bei Lagerkoller

SOS bei Lagerkoller

Die Psychotherapeutin Ruth Werdigier regt an, wie wir jetzt mit dicker Luft zuhause umgehen können.

Lust aufs LEBEN: Wie entsteht ein Lagerkoller?
Ruth Werdigier: Dazu kommt es, wenn man seiner freien Entscheidungsmöglichkeiten beraubt ist, auf engstem Raum mit mehreren Menschen, aber auch allein, eingesperrt ist, und wenn man Angst hat und dadurch unter Stress steht.

Lust aufs LEBEN: Welche Faktoren verstärken jetzt die Gefahr eines Lagerkollers?
Ruth Werdigier: Aus dem Stress heraus entstehen Aggressionen, die auch geringste Konflikte eskalieren lassen. Man sucht einen Schuldigen, beschuldigt sich gegenseitig und macht sich gegenseitig für Dinge verantwortlich, für die eigentlich keiner etwas kann. So eskalieren die Konflikte immer mehr und können zu Gewaltausbrüchen führen.

Ruth Werdigier

Lust aufs LEBEN: Die einen sehen sich jetzt durch andere Familienmitglieder zuhause bedrängt, die anderen fühlen sich isoliert, wenn sie alleine leben. Was raten Sie Singles zur Vorbeugung eines Lagerkollers?
Ruth Werdigier: Für Singles ist es jetzt nützlich, den Kontakt zu Freunden telefonisch oder durch andere elektronische Mittel aufrecht zu halten: Man kann sich gegenseitig lustige WhatsApps zu schicken, von denen es im Moment reichlich viele gibt. Auch entspannt ein Buch lesen, Musik oder einen interessantes Podcast oder Vorträge auf YouTube hören kann jetzt guttun.
Man kann auch die Millionenshow im Internet nachspielen oder sich eine App zur Konzentrationsstärkung herunterladen. Jetzt ist eine gute Zeit, um sich zu bilden!

Lust aufs LEBEN: Was kann älteren Menschen jetzt helfen?
Ruth Werdigier: Älteren Menschen rate ich, mit ihren Verwandten zu telefonieren, Hörbücher oder die Sendungen auf Ö1 zu hören, die sehr interessant sind. Aber bitte nicht den ganzen Tag Nachrichten schauen! Zweimal am Tag die großen Nachrichtensendungen zu verfolgen genügt, sonst wird man zu sehr von der Angst angesteckt.

Lust aufs LEBEN: Familien und allein Erziehende stehen nun ebenso vor besonderen Herausforderungen ...
Ruth Werdigier: Sofern die Zeit da ist, nützen Sie diese, um mit den Kindern zu basteln, Märchen zu erzählen und Spiele zu spielen. Es gibt auf Youtube kreative Vorschläge für Bewegungsspiele zu Hause. Natürlich kann man den Kindern auch erlauben, einen lustigen Film anzuschauen – am besten gemeinsam mit einem Erwachsenen.

Es ist auch ratsam, den Kindern zu erklären, was gerade los ist, ohne zu katastrophisieren und ihnen Angst zu machen. Alle Familienmitglieder müssen sich im Klaren sein, dass die Situation für alle ein Stressfaktor ist, und dass jeder in der Familie ein bisschen anders reagiert als sonst. Die Lunte kann jetzt sehr kurz sein! Daher ist liebevolle Nachsicht und gegenseitige Akzeptanz notwendig.

Lust aufs LEBEN: Wie können Paare dem Lagerkoller entkommen?
Ruth Werdigier: Paare haben jetzt viel gemeinsame Zeit. Das kann sehr positiv sein, aber auch sehr stressig. Daher ist es wichtig, sich während des Tages auch zurückziehen zu können und einander in Ruhe die eigenen Sachen machen zu lassen. Wenn man zusammen sitzt, kann man eine gemeinsame Beschäftigung suchen, zum Beispiel Kochen, Spielen, gemeinsam schwere Kreuzworträtsel lösen oder einander die Lieblingsstellen in dem Buch, das man gerade liest, vorlesen.

Für alle gilt, dass man zu Hause jetzt endlich Dinge erledigen kann, die man schon lange vor sich hergeschoben hat.

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Lust aufs LEBEN: Wie geht man jetzt mit Gefühlen wie Angst und Aggression am besten um?
Ruth Werdigier: Zuerst muss man sich überhaupt dieser Gefühle bewusst werden. Wenn man sie wahrnehmen kann, dann ist es auch möglich sie direkt auszusprechen, wie z. B. "Ich mache mir Sorgen, ich bin ganz unruhig und daher viel ungeduldiger." Oder: "Ich ärgere mich über…, ich könnte aus der Haut fahren" etc. Wenn man es schafft, das Gefühl offen auszudrücken, verliert es bereits die Hälfte seiner destruktiven Energie.

Lust aufs LEBEN: Die Corona-Krise kommt zu aktuellen Sorgen, die bei den Menschen bereits vorher da waren, noch dazu. Welche Bewältigungsstrategien können dabei jetzt helfen, damit sich nicht alles „aufbauscht“ und irgendwann zu viel wird?
Ruth Werdigier: Die beste Methode ist die „Schritt für Schritt“- Strategie, damit die Sorgen nicht zu einem ungenießbaren Eintopf zusammen gemischt werden. Im Moment kann man sowieso nicht allzu viel tun, außer die Nerven zu bewahren. Wenn sich die Situation gebessert hat, werden sich Lösungsmöglichkeiten ergeben.

Lust aufs LEBEN: Welche weiteren Strategien gibt es, um einem Lagerkoller vorzubeugen?
Ruth Werdigier: Bleiben wir zuversichtlich und rational. Vermeiden wir negative Menschen, die ständig den Teufel an die Wand malen. Das ist vollkommen nutzlos und vergiftet unsere Psyche. Tun wir das, was uns jetzt empfohlen wird, damit wir gut durch diese Zeit kommen.

Lust aufs LEBEN: Wenn das Limit erreicht ist: Was kann man zur Beruhigung tun?
Ruth Werdigier: Es gibt wunderbare kleine Podcasts im Internet oder auf CD, die man beim Buchhändler bestellen kann: Jacobson Muskelentspannungstraining und Achtsamkeitstraining. Man kann entspannende Musik hören, oder Witze oder Anekdoten im Internet lesen. Humor war immer noch die beste Methode, um Angst zu bewältigen. Humor ist das Kamel, das uns durch die Wüste trägt!