Was Demenz über die Liebe sagt

Was Demenz über die Liebe sagt

In einem neuen Buch schildert Autorin Nicci Gerrard ihre Erfahrungen.

Die preisgekrönte Journalistin und britische Bestseller-Autorin Nicci Gerrard erlebt in unserer Gesellschaft eine große Gefühlskälte gegenüber den Erkrankten, die nicht mehr selbst für sich einstehen können. Dem setzt sie viele Beispiele entgegen, die Hoffnung machen. Wie ein roter Faden durchzieht die bewegende Schilderung ihrer persönlichen Erfahrung diesen Text, der teils Reportage über die medizinischen Zusammenhänge und den unwürdigen Umgang mit den Betroffenen in Kliniken und Heimen, teils philosophische Betrachtung über das Erinnern ist. Ein in seiner Vielschichtigkeit ganz besonderes Buch, das durch sein Engagement, seine Wärme und Mitmenschlichkeit besticht. Dass Liebe kein Vergessen kennt, zeigt sie im Interview:

Lust aufs LEBEN: Warum haben Sie – eine überaus erfolgreiche Krimiautorin – eine Buch über Demenz geschrieben?

Nicci Gerrard: Ich musste einfach. Es war wegen meines Vaters, den ich geliebt habe und der zehn Jahre lang mit Demenz lebte. Seine letzten neun Monate waren unsagbar traurig. Das Schicksal meines Vaters hat für mich zurechtgerückt, was es bedeutet, am Leben zu sein, ein Ich zu haben, zu lieben und ein Mensch zu sein. Ich habe dabei nicht nur etwas über Demenz, sondern über uns alle gelernt.

Lust aufs LEBEN: In Ihrem Buch schreiben Sie über die Wichtigkeit von Verbundenheit und Kommunikation. Was meinen Sie damit?

Nicci Gerrard: Der menschliche Geist ist eine sehr zerbrechliche Sache. Menschen mit Demenz können leicht von der Welt abgeschnitten werden und jeglichen Sinn eines Selbst verlieren. Aber selbst wenn jemand nicht mehr sprechen kann, gibt es andere Wege, wie man verbunden bleiben kann: durch Musik, Tanz, Lyrik, die Kraft der Berührung. An seinem bitteren Lebensende konnte mein Vater nicht mehr sprechen. Aber er hat auf Gedichte reagiert, sie haben eine Verbindung zu der von ihm geliebten Welt hergestellt. Ein Mensch ist wertvoll und menschlich bis zum Augenblick seines Todes.

Lust aufs LEBEN: Wenn Sie Menschen mit Angehörigen, die an Demenz leiden, nur einen einzigen Ratschlag geben könnten, welcher wäre das?

Nicci Gerrard: Seien Sie gut zu sich selbst: Falls irgend möglich, finden Sie Zeit für sich. Für jemanden zu sorgen, ist die schwierigste, heldenhafteste, am meisten unterschätze Arbeit überhaupt. Und jemand, der sich um einen anderen kümmert, ist kein Heiliger. Wenn Sie also manchmal gereizt, wütend, abweisend oder feindselig sind – das ist nur normal und menschlich. Eines der Dinge, die Demenz uns über die Liebe lehrt, ist, wie schwierig die Liebe ist.

Buchempfehlung:

"Was Demenz uns über die Liebe sagt", Nicci Gerrard, C. Bertelsmann, € 21,00