Wie geht es den Kindern jetzt?

Wie geht es den Kindern jetzt?

Wie wir Kinder nach dem Corona-Trauma jetzt bestmöglich unterstützen können.

Die Corona-Pandemie und ihre Folgen hat nicht nur bei Erwachsenen, sondern vor allem bei den Jüngsten tiefe Spuren hinterlassen. Die viel gefürchteten Triagen auf den Intensivstationen fanden vor allem in den Kinder- und Jugendpsychiatrien statt. Und das, während Depressionen, Suchtverhalten aber auch Angst- und Zwangsstörungen drastisch zugenommen haben.

Wer dieser Tage einen Kinderpsychiater kontaktieren will, wartet zunächst einmal lange in der Leitung. "Wir sind von Früh bis spät im Einsatz, ständig läuten hier die Telefone", berichtet eine Sprechstundenhilfe in einer Wiener Ordination, "Ich kann froh sein, wenn ich zwischendurch ein paar Sekunden habe, in denen ich auf die Toilette gehen kann."
Termine für die Kinder verzweifelter, oftmals weinender Eltern gebe es nicht vor Oktober, zehn Erstkontakte pro Woche stünden an der Tagesordnung. Eine Situation wie diese habe sie zuvor noch nie erlebt. Vor allem seit November habe sich die Lage noch dramatisch verschärft und erreiche gerade ihren Höhepunkt.

Symptome stärker als zuvor

„Psychische Erkrankungen verdichten sich zur Zeit und treten seit Corona früher auf“, sagt auch Doris Koubek, Kinder- und Jugendpsychiaterin bei pro mente OÖ. „Gerade bei jungen Menschen, die früher bereits mit psychischen Problemen zu kämpfen hatten, zeigen nun die verschiedenen psychischen Störungsbilder verstärkt und die Symptome kommen massiver zum Vorschein. So wurden Ängste, Zwangsstörungen, Depressionen und Essstörungen durch Corona besonders getriggert", sagt Koubek.

Handysucht hat zugenommen

Vor allem auch im Bereich der Verhaltenssüchte merken die pro mente-Expertinnen und Experten, dass junge Menschen vermehrt professionelle Hilfe benötigen würden. Jugendliche mit einer Essstörung seien hier besonders erwähnt, so die Psychiaterin: "Sie leiden grundsätzlich schon darunter, sich aufgrund ihrer Erkrankung isoliert und ohnmächtig zu fühlen und zweifeln massiv an sich selbst und ihrem Aussehen. Gerade diese Jugendlichen wurden durch die Lockdowns noch mehr sich selbst, ihren Gedanken und ihrem Selbstzweifel überlassen“, sagt Koubek.
Vor allem die Internet- und Handysucht sei in den vergangenen Monaten aufgrund von Einsamkeit, Langeweile und der zunehmenden Bedeutung der Digitalisierung im Alltag stark angestiegen - begünstigt durch die mangelnden Möglichkeiten, persönliche Kontakte wahrzunehmen, hat sich das Sozialverhalten vieler Menschen nachhaltig verändert. Denn was einmal zur Gewohnheit geworden ist, ist schwer wieder zu ändern – vor allem dann, wenn es wenig Alternativen gibt und man innerlich dazu keinen Antrieb spürt.
Entscheidend ist, psychische Probleme bei jungen Menschen rasch zu erkennen und sie professionell behandeln zu lassen – doch Psychiatrien und Ordinationen sind überfüllt und müssen kleine Patientinnen und Patienten zunehmend abweisen.

Psychische Langzeitfolgen werden noch erwartet

Experten warnen aber, dass die eigentlichen Auswirkungen auf die Psyche der Kinder und Jugendlichen als Langzeitfolgen erst noch kommen werden. Kinder, die noch mitten in ihrer körperlichen, geistigen und emotionalen Entwicklung sind, mussten in der sozialen Interaktion plötzlich Masken tragen, die die Hälfte des Gesichtes verdecken. Sie wurden isoliert und durften Freunde und Verwandte nicht mehr sehen und waren ständig mit der Angst und Sorge um Gesundheit und Leben konfrontiert. Sie hatten keinen geregelten Tagesablauf und konnten nicht mehr in die Schule gehen. Vor allem, weil ausgerechnet sie einigen Meinungen zufolge angeblich zu häufig symptomlosen Trägern des Virus gehören sollen, obwohl sie selbst tatsächlich selten an Covid 19 erkranken.

Stimmung deutlich verschlechtert

Das Schreckensgespenst Corona geistert seit fast 1,5 Jahren täglich durch die Medien und regiert fast alles, was wir täglich tun. Das macht etwas mit uns – und auch mit den Kindern. Einer deutschen Studie des Universitätsklinikums Hamburg zufolge ist jedes dritte Kind seit den Lockdowns psychisch auffällig. Besonders betroffen sind Kinder, die aus sozial benachteiligten Familien kommen. Auch eine Salzburger Studie unter 4.000 Kindern zeichnet ein trauriges Bild – selbst bei jenen Kindern, die (noch) nicht an einer psychischen Erkrankung leiden: 73 Prozent der befragten Kinder gaben an, dass es Ihnen "viel oder etwas schlechter" ginge als zuvor. 59 Prozent sagten, dass sie sich wütend oder genervt fühlten und 46 Prozent klagen über Einsamkeit. Außerdem äußerten 70 Prozent der Befragten den Wunsch, Freunde ohne Einschränkungen treffen können, 59 Prozent wollen keine Maske mehr tragen, und 43 Prozent wollen einfach wieder unkompliziert zum Sport gehen können. Nur sechs Prozent der Kinder und Jugendlichen gaben an, dass ihnen nichts abginge.

Jetzt: Den Sommer für gemeinsame Erlebnisse nützen

Haris Janisch, Leensberater und Fachgruppenobmann Personenberatung und Personenbetreuung bei der Wirtschaftskammer Wien, sieht jetzt dringenden Handlungsbedarf, um die Situation jedenfalls nicht zu verschlimmern. "Eltern und andere Bezugspersonen sind jetzt gefordert, das Zeitfenster des Sommers zu nützen, um mit den Kindern positive gemeinsame Erfahrungen zu machen, die Beziehungen und Bindung stärken. "Diese Zeit sollte frei von Dogmatisierungen und Einengungen sein und Kindern Möglichkeiten bieten, um die kollektiv Traumatisierung durch Ressourcen der Natur, durch menschliche Beziehungen und positive Botschaften zu wieder aufzulösen", sagt Janisch.

Ressourcen stärken und in die Natur gehen

Haris Janisch

Ein Möglichkeit ist nun auch, sowohl als Erwachsener bzw. Elternteil als auch für Kinder und Jugendliche, sich auf die Ressourcen und Selbstheilungskräfte des Körpers zu besinnen. "Eltern können ihren Kindern nun beibringen, dass der Körper selbst eine Kraftquelle ist", sagt Janisch.
So ist es wissenschaftlich erwiesen, dass eine gesunde Psyche und gesunde Beziehungen zu einem starken Immunsystem beitragen. Positive Gedanken, gesunde Beziehungen und ein guter Kontakt zur Natur zählen zu den besten Ressourcen, um die mentale Gesundheit und damit auch das Immunsystem zu stärken. Studien haben auch ergeben, dass schon fünf Minuten im Wald das Wohlbefinden deutlich steigern können. Also, gleich zusammen rausgehen und gemeinsam Neues erleben – zum Beispiel mit diesen Ideen!